Marie*, 39, Fluoxetin

Mich nährt die Vergangenheit, die Erinnerung an „Love and Passion – Liebe und Leidenschaft“


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Ich denke an den Moment auf dem Balkon. An das einsame Haus, den zarten Wind, das Rauschen der Bäume. An Leichtigkeit, Ekstase, Lust. Das Gefühl, nicht mehr zu wissen, wo mein Körper aufhört und deiner anfängt. Wie du mich küsst. Dieses Spiel. Wie ich dich spüre. Diese Nähe. Wie das Gefühl sich in mir ausbreitet. Kein zurück. Es ist so leicht, so schön.

Das letzte Mal war das. Wie oft habe ich mir gewünscht, habe ich mir herbeigesehnt, habe ich mir eingebildet, es könnte wieder so sein. Aber es wird wahrscheinlich nie wieder so sein, denn ich bin chemisch kastriert. Heute muss ich mich konzentrieren, damit ich etwas fühle, ich muss in Gedanken einen selbstgemachten Porno schauen, um noch ein bisschen Lust herauszukitzeln, muss dir sagen, du musst mich härter anfassen, um überhaupt etwas zu spüren. Kein Gefühl breitet sich in mir aus. Die Sehnsucht ist umsonst.

Mich nährt die Vergangenheit, die Erinnerung an „Love and Passion – Liebe und Leidenschaft“. Jetzt brauche ich Konzentration und Präzision. Wenn ich Glück habe, ist es dann ein bisschen so wie früher. Ein kleines bisschen.

Wie ist dazu gekommen ist? Ich war 25 Jahre alt und mir ging es schlecht. Oft wollte ich das Haus nicht mehr verlassen, lag stundenlang im Bett, fing grundlos an zu weinen. Ich hatte das Gefühl, dass die Situation mir entgleitet und wandte mich in meiner Verzweiflung an einen Arzt, da ich glaubte, dass ein Medikament mir helfen könnte.

Der Arzt verschrieb mir einen SSRI, ein Antidepressivum. Er hat es mir nicht aufgequatscht, ich wollte es. Es gab keinen Grund, Angst zu haben. Den Beipackzettel las ich sehr genau, es stand nichts Beunruhigendes drin. Dann begann ich mit der Einnahme. Ich war sehr gewissenhaft, achtete peinlichst darauf, keine Tablette zu vergessen, sie immer zur gleichen Zeit zu nehmen.

"Die Nebenwirkungen waren extrem. Ich hatte starke Schwindel- und Ohnmachtsattacken, immer wieder angsteinflößende Alpträume, schlief in der Uni oder im Zug ein, obwohl ich genug geschlafen hatte. Und: Ich wurde taub. Emotional und sexuell."

Als wäre es gestern gewesen, erinnere ich mich daran, wie ich meinen Freund, während wir gerade miteinander schliefen, fragte, ob er das Gefühl hätte, dass meine Vagina sich normal anfühle. Denn ich war komplett taub. Ich spürte überhaupt nichts mehr. Und das sollte so bleiben. Auch heute leide ich unter genitaler Taubheit, mehr als 10 Jahre nach der ersten Pille, mehr als 8 Jahre nach der letzten.

Zurück zu damals: Ich hatte sofort mit der ersten Einnahme das Problem gehabt, dass ich keinen Orgasmus mehr erreichen konnte. Das war für mich komplett unüblich, denn ich hatte immer Spaß an Sexualität und an Selbstbefriedigung gehabt und kannte meinen Körper sehr gut. Meine Depression hatte darauf ZU KEINEM ZEITPUNKT einen Einfluss gehabt. Ich liebte das Gefühl der Erregung, die Lust. Die verschwand unter der Einnahme. Aber das war nicht alles.

Nach der Anorgasmie traten Taubheitsgefühle auf, dann konnte ich nicht mehr feucht werden, die erotischen Träume verschwanden, ich konnte mich überhaupt nicht mehr selbstbefriedigen, die Libido war bei null und schließlich fühlte ich mich komplett asexuell, als hätte jemand einen Teil aus meinem Gehirn herausgeschnitten. Da war absolut nichts mehr, es ging sogar so weit, dass ich die Vorstellung, mit einem Mann zu schlafen, komisch fand. Hätte mir einige Wochen zuvor jemand gesagt, dass mir das passieren würde, ich hätte ihn ausgelacht, weil die Vorstellung so absurd war.

Da ich mich psychisch sehr gut stabilisiert hatte, schlich ich das Medikament nach einigen Monaten langsam aus. Ich wollte auf keinen Fall einen Rückfall riskieren und reduzierte die Dosis langsam über mehrere Monate. Dass ich asexuell war, war zwar komisch, aber ich „wusste“ ja, dass alles wieder normal werden würde, wenn ich das Medikament komplett abgesetzt hätte.

Es sind jetzt mehr als 10 Jahre vergangen, seit ich die letzte Tablette genommen habe. Ich habe nie wieder Psychopharmaka genommen.

Psychisch geht es mir gut. Aber meine Sexualität ist weiterhin massiv beeinträchtigt. Seit ich einen SSRI genommen habe, habe ich Schwierigkeiten, zum Orgasmus zu kommen. Die Sensibilität meiner Klitoris ist so eingeschränkt, dass ich sie sehr lange sehr direkt stimulieren muss, um dann irgendwann zum Orgasmus zu kommen, der oft nur sehr schwach ist. Oft fühlt sich danach alles wund an, da ich aufgrund der Taubheit so viel Druck ausüben muss. Ich hatte keinen einzigen erotischen Traum mehr, etwas, was immer zu mir gehört hatte. Libido ist quasi nicht vorhanden, obwohl sie vor der Einnahme sehr stark gewesen war. Schmetterlinge im Bauch kenne ich nicht mehr.
 
"Es ist, als ob mir irgendein Stoff im Gehirn fehlt. Und es fühlt sich an, als ob die Verbindung zwischen meinem Kopf und meiner Vagina durchtrennt wurde."  

Insgesamt hat mir das Medikament einen Teil meiner Identität genommen. Ich fühle mich körperlich beschädigt und habe das Gefühl, dass ein Teil meiner Persönlichkeit entfernt wurde. Wenn ich zum Arzt gehe, werde ich in der Regel nicht ernst genommen. Oft hören Ärzte auch gar nicht zu oder wechseln einfach das Thema. Das empfinde ich als sehr enttäuschend und erniedrigend, denn es kostet viel Überwindung, sich einer fremden Person zu öffnen und über dieses Thema zu sprechen.

Es wäre schon ein Schritt in die richtige Richtung, wenn Ärzte und Therapeuten endlich anfangen würden, ihre Patienten ernst zu nehmen und sie nicht mit der „Psycho-Nummer“ abzuweisen. Auch jemand, der einmal ein psychisches Problem hatte oder immer noch hat, hat ein Recht auf eine erfüllte Sexualität.

Und anstatt uns wegzuschicken, sollten Ärzte sich um eine Lösung bemühen und vor allem: neue Patienten über das Risiko bleibender Nebenwirkungen aufklären. Das wünsche ich mir.

* Name geändert
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